Fructoseintoleranz – wenn Obst im Darm rebelliert

Noch sehr gut erinnere ich mich an den Anruf einer verzweifelten Mutter eines Kindergartenkindes. Sie musste ihre kleine Tochter immer öfter aus dem Kindergarten abholen, weil das Mädel über Bauchweh klagte und unter Durchfällen litt.

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Man tippte auf eine Milchzuckerintoleranz. Daraufhin hatte die Mutter alle Milchprodukte aus dem Speiseplan gestrichen, aber die Beschwerden des Kindes besserten sich nicht. Einige gezielte Fragen nach Ernährungs-, Trinkgewohnheiten und Tagesablauf machten die Ursache für den kranken Bauch der Kleinen schnell offensichtlich. Weil ich eine Fruchtzuckerunverträglichkeit vermutete, bat ich die Mutter, eine Woche keine Apfelsaftschorle als Pausengetränk mitzugeben.
In der nächsten Telefonsprechstunde hatte ich dann eine überglückliche Mama am Telefon. Das Töchterchen war völlig beschwerdefrei und hatte ganz normalen Stuhlgang.

Die Fruchtzuckerintoleranz ist nicht zu verwechseln mit der hereditären Fructoseintoleranz. Hierbei handelt es sich um eine vererbbare Stoffwechselerkrankung, die in diesem Artikel nicht thematisiert wird.

Fructose ist ein Einfachzucker, der in freier Form vorwiegend in Obst, Obstsäften aber auch Honig vorkommt. In gebundener Form finden wir den Fruchtzucker im Haushaltszucker. Haushaltszucker (Saccharose) ist ein Zweifachzucker, bestehend aus einem Molekül Fructose und einem Molekül Glucose. Darüber hinaus wird Fruchtzucker in der Lebensmittelindustrie als Süßungsmittel verwendet.

Weil Fruchtzucker insulinunabhängig verstoffwechselt wird, wurde er langezeit als Diabetikerzucker eingesetzt. Aber auch der Fruchtzucker verschlechtert letztlich die Stoffwechsellage und führt zur Anregung der Fettsäuresynthese und damit zum Übergewicht. Wird die Fructose mit der Nahrung aufgenommen, wird diese mittels eines Transportmoleküls, dem GLUT 5, vom Dünndarm aus in den Blutkreislauf eingeschleust. Bei der Fructoseunverträglichkeit – man spricht auch von der Fructosemalabsorption – ist die Funktion dieses Transporters eingeschränkt oder gar nicht mehr aktiv. In der Folge gelangen hohe Konzentrationen an Fructose vom Dünndarm in den Dickdarm. Wie bei der Lactoseintoleranz bauen dann Darmbakterien den Zucker zu Gasen, kurzkettigen Fettsäuren und anderen Stoffen ab. Das Wasserstoffgas wird zu den Lungenbläschen transportiert und abgeatmet. So kann die Bestimmung der Wasserstoffkonzentration in der Atemluft zur Diagnose einer Fructoseintoleranz herangezogen werden.

Die Leitsymptome bei der Fruchtzuckermalabsorption sind denen der Lactoseintoleranz entsprechend. Das durch den Abbau des Zuckers entstehende Kohlendioxidgas verursacht Blähungen und die entstehenden kurzkettigen Fettsäuren sind letztlich Ursache für die wässrigen Durchfälle der betroffenen Patienten.

Eine Fruchtzuckerunverträglichkeit kann neben den genannten Beschwerden auch zu psychischen Veränderungen bis hin zur Depression bei den Betroffenen führen. Der Fruchtzucker, der bei einer Intoleranz in hohen Konzentrationen in den Darm gelangt, bildet einen Komplex mit der essentiellen Aminosäure Tryptophan. Diese Aminosäure ist im Körper Ausgangsstoff für die Synthese von Serotonin, dem so genannten Glückshormon. Bei der Fructoseintoleranz steht dem Körper durch die Komplexbildung zu wenig Tryptophan zur Verfügung, so dass in der Folge die Seretoninkonzentration abnimmt. Durch die Abnahme an Seretonin verschlechtert sich die Stimmungslage, was oft zu Süßhunger führt. Das Süße, z.B. der Zucker in der Schokolade ruft einen raschen Insulinausstoß hervor, der den Einstrom von Tryptophan  in das Gehirn erleichtert. Ergebnis ist ein relativ lang andauernder Anstieg des Serotoninspiegels und damit der Laune. Menschen mit einer Fruchtzuckerintoleranz nehmen durch den Süßhunger allerdings oft vermehrt Fruchtzucker auf und geraten somit in einen Teufelskreis.

Eine Fructoseintoleranz ist oft gekoppelt mit einer Sorbitintoleranz

Sorbit ist ein Zuckeralkohol, der als Süßungsmittel und auch als Feuchthaltemittel in der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt wird. Sorbit wird insulinsparend verstoffwechselt und findet sich deshalb als Zuckerersatzstoff in sehr vielen light und kalorienreduzierten Süßigkeiten, Getränken und in fast allen Zahnpflegemitteln.

Natürlicherweise kommt Sorbit in vielen Obstsorten wie zum Beispiel Birnen, Pflaumen Aprikosen, Äpfeln und Trockenobst vor.

Bei fast allen Patienten mit einer Fructosemalabsorption ist auch die Resorption von Sorbit gestört. Außerdem blockiert Sorbit das Glut 5 Transportmolekül für Fructose zusätzlich. Das bedeutet für den von der Fruchtzuckerunverträglichkeit geplagten Patienten, dass er beim Studieren der Zutatenliste immer auch an Sorbit denken sollte.

Traubenzucker erleichtert die Aufnahme von Fruchtzucker

Die Fruchtzuckeraufnahme im Dünndarm kann durch Glucose (Traubenzucker) verbessert werden. Die Glucose wird sehr schnell resorbiert und zieht den Fruchtzucker mit. Deshalb werden geringe Mengen Haushaltszucker – mit jedem Molekül Fructose wird ein Molekül Glucose angeboten –  von vielen Betroffenen gut vertragen. In einigen Ratgebern findet man sogar die Empfehlung, fruchtzuckerreiches Obst vor dem Verzehr mit etwas Traubenzucker zu bestreuen. Ob das nun wirklich ratsam und gesund ist mag dahingestellt sein. Hilfreich sind allerdings auf jeden Fall Lebensmitteltabellen, die den Fruchtzucker- von Obst angeben. Je mehr Glucose im Vergleich zu Fructose enthalten ist, desto verträglicher ist das Obst. Das Verhältnis sollte immer größer oder zumindest gleich 1 sein.

Nie wieder Obst? –  Auf die Menge kommt es an

Ist die Diagnose einer Fruchtzuckerintoleranz gesichert, ist es wichtig einige Wochen möglichst Fructose arm zu essen. In vielen Fällen ist die Unverträglichkeit ein Hilfeschrei des Darms. Viele Menschen, die während der täglichen Arbeit immer mit Menschen in Kontakt sind, kauen zwischendurch ein zuckerfreies Kaugummi oder aber Pfefferminz ohne Zucker, um immer einen frischen Atem zu haben. Weil dann noch auf die Figur geachtet wird, greift man auch bei Getränken und Joghurts zu den light Produkten. Und wer dann zusätzlich noch auf die gesunde Ernährung Wert legt, wählt als Zwischenmahlzeit und Nachspeise das gesunde Stück Obst. Der Darm wird mit einer Flut von Sorbit und Fructose einfach überfordert und rebelliert.

Hat der Darm sich nach einer Karenzzeit erst einmal beruhigt, genügt es bei vielen Patienten, fruchtzuckerreiche Lebensmittel einzuschränken (Säfte, bestimmte Obstsorten) und auf Sorbit als Süßungsmittel zu verzichten.

Wie auch bei der Milchzuckerunverträglichkeit sind die Beschwerden bei der Fruchtzuckerunverträglichkeit von der verzehrten Menge und der individuellen Toleranzschwelle abhängig. Der Betroffene muss selber austesten, wie viel Fructose bzw. welches Obst er ohne Reue essen kann.

Die meistens Gemüsesorten sind übrigens arm an Fructose. Auch wer auf Obst weitestgehend verzichten muss, kann sich gemüsereich ernähren, so dass es zu Nährstoffdefiziten nicht kommen muss.

Allen Patienten, denen es nicht gelingt, die Beschwerden in den Griff zu bekommen, kann ich nur empfehlen: Gönnen sie sich ein oder auch zwei Stunden bei einer kompetenten Ernährungsfachkraft. Eine persönlich auf Sie zugeschnittene Beratung  ist bei jeder Unverträglichkeitsreaktion auf jeden Fall sinnvoll.

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  1. Pingback: Gicht – Was kann der Betroffene tun? - GEFRO Blog

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