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Bevor der Kürbis das Grinsen lernte

Bevor der Kürbis das Grinsen lernte
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    Ein Kürbis, ein scharfes Messer und eine Kerze – und ein wenig Ausdauer. Der Deckel wird abgeschnitten, Kerne und Fruchtfleisch werden herausgeschabt. Jetzt schnitzt das Messer dem Kürbis sein schauriges Gesicht: zwei Augen, eine Nase und möglichst schiefe Zähne. Noch eine Kerze hinein – fertig ist das Halloween-Gesicht. 

    Nur eines passt nicht ganz zu dieser vertrauten Vorstellung: Am Anfang stand gar kein Kürbis. 

     

    Es war eine Rübe. 

    In Irland hatten zu Halloween lange Zeit Rüben ihren schaurigen Auftritt. Im Kerzenschein leuchteten ihre geschnitzten Gesichter durch die Dunkelheit. Eine solche „Ghost Turnip“ aus Donegal befindet sich heute sogar im National Museum of Ireland – und besonders freundlich schaut sie nicht gerade drein. 

    Die Nacht vor Allerheiligen gehörte nach alter Vorstellung nicht allein den Lebenden. Auch die Seelen der Verstorbenen waren unterwegs. Lichter könnten ihnen den Weg weisen – während die schaurigen Rübenfratzen zugleich ganz irdisch dazu genutzt wurden, anderen einen gehörigen Schrecken einzujagen.

    Und dann wäre da noch Jack. 

    Einer irischen Legende nach war Jack ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse, der selbst den Teufel mehr als einmal überlistete. Das ging eine Weile gut. Nach seinem Tod allerdings bekam er die Rechnung: Im Himmel wollte man ihn nicht, und auch der Teufel verweigerte ihm den Zutritt zur Hölle. Jack hatte es offenbar geschafft, sich mit beiden Seiten zu verscherzen. 

    So blieb ihm nichts anderes übrig, als durch die Dunkelheit zu ziehen. Der Legende nach gab ihm der Teufel eine glühende Kohle mit auf den Weg. Jack steckte sie in eine ausgehöhlte Rübe. Für die Ewigkeit war das vielleicht etwas wenig – aber immerhin hatte er Licht. 

     

    Jack gehört ins Reich der Legenden. Die Rübenlaterne dagegen hat tatsächlich Geschichte geschrieben. 

    Im 19. Jahrhundert trieben Hunger und Armut viele Menschen aus Irland fort. Hunderttausende suchten in Nordamerika ein neues Leben – und nahmen ihre Bräuche mit. Dort bekam die schaurige Laterne schließlich ein neues Gesicht: Aus der Rübe wurde ein Kürbis. 

    Für schiefe Zähne und finstere Grimassen bot der Kürbis jedenfalls deutlich mehr Platz. 

    Heute leuchten an Halloween Kürbisgesichter vor Haustüren und in Fenstern. Dass hinter ihrem schiefen Grinsen einmal eine irische Rübe steckte, sieht man ihnen nicht mehr an. 

    Die Rübe verschwand. Das Grinsen blieb. 

     

    Schaurig-schöne Grüße aus dem Allgäu 

     
    Rita Hein 

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