10/15/2004 Essen und trinken = Esskultur?
Beim Durchblättern eines Küchenratgebers und Kochbuchs aus dem Jahre 1954 bin ich auf folgende Zeilen gestoßen:
"... Ich will nicht nur einen ordentlichen Haushalt, saubere Wäsche,
pünktliche Mahlzeiten zustandebringen, sondern all dies meinen Leuten
zuliebe tun .... Jede Mahlzeit könnte eine heimliche Liebeserklärung
sein. An dem von mir gekochten Essen liest der Mann den Grad meiner
Zuneigung ab..."
Weiter heißt es:
"... Es werden viele Gründe für das Auseinanderfallen der Familien
genannt. Werden wir Hausfrauen bei solchen Untersuchungen nicht zu sehr
geschont? Wenn wir nicht mehr für die gemütliche entspannte
Gemeinsamkeit des Familientisches sorgen, wie sollen dann die Kinder im
Familienboden einwurzeln?..."
(Meine Küche und Ich, Liselotte Nold, Hilde Lehmann, Laetare Verlag Nürnberg 1954)
Könnten wir uns diese Zitate in einem Kochbuch oder Ratgeber der
heutigen Zeit vorstellen ? wohl kaum. Spontan belächeln wir die Zeilen.
Aber beim längeren Nachdenken über die ?gute alte Zeit? macht sich
vielleicht ein wenig Sehnsucht breit. Ist der Familientisch noch Dreh-
und Angelpunkt in unserem Alltag? Gibt es noch die gemeinsame
Familienzeit am Mittags- oder Abendbrottisch, in der miteinander
geredet werden kann?
In der Generation unserer Großmütter oder vielleicht auch Mütter fanden
die Mahlzeiten zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten statt. Die
traditionelle Tischgemeinschaft hatte einen hohen Stellenwert. Die
Frauen bereiteten die Nahrung zu, sie waren verantwortlich für die
Auswahl und Zubereitung aber auch für die Vorratshaltung. Sie richteten
sich bei der Zubereitung hauptsächlich nach den Vorlieben der Männer.
Die von der Ehefrau zubereitete Speise war Zeichen ihrer Liebe und
Fürsorge für die Familie. Der Familientisch war sowohl Ort für
Gespräche als auch für Erziehung. Durch regelmäßige gemeinsame
Mahlzeiten konnten Kinder in eine soziale Ordnung hineinwachsen, die
ihnen Sicherheit und Geborgenheit gab.
Heute löst diese traditionelle Tischgemeinschaft sich weitgehend auf.
Gemeinsame Mahlzeiten mit der ganzen Familie scheinen an Bedeutung
immer mehr zu verlieren.
Der Alltag der Familienmitglieder ist geprägt von Terminen durch Beruf,
Schule, Sport und Freizeit. Klavierstunde um zwei, Basketballtraining
von sechs bis acht und der Vater kommt erst gegen neun, weil er noch
eine wichtige Besprechung hat. Bleiben nur Mutter und Tochter und da
lohnt es sich kaum, den Tisch zu decken. Es reicht vielleicht ein
kleiner Snack im Stehen oder vor dem Fernseher.
Bringdienste wie Pizzaservice, Drive-in-Restaurants, Convenience Food
oder küchentechnische Errungenschaften wie die Mikrowelle ermöglichen
es heute jedem Familienmitglied, sich schnell und unabhängig vom
Familientisch eine Mahlzeit zuzubereiten und einzunehmen.
Selbst ein zehnjähriger Grundschüler ist heute in der Lage, sich mit
einem Fertiggericht zubereitet im Backofen oder in der Mikrowelle zu
versorgen.
Wie oft stillen wir unseren Hunger einfach im Vorübergehen, beim Einkaufen oder auf dem Gehweg?
Die Folge: wir essen zu schnell, zu viel, zu süß, zu fett und der
sinnliche Genuss bleibt auf der Strecke. Unsere Ernährungskultur gerät
aus der Balance.
Die Hektik des Alltags wird mehr und mehr zum Feind des guten Essens.
Wer hat noch die Zeit, in Ruhe Rezepte zu studieren, auf dem Markt
frische Zutaten einzukaufen, um anschließend ein köstliches Mahl zu
kreieren und zu genießen?
Wir können und wir wollen sicherlich nicht am Rad der Zeit drehen.
Aber sollten wir nicht versuchen in der heutigen, modernen Gesellschaft
Grundlagen für ein gesundes Essverhalten zu legen? Empfehlungen über
die richtige Nahrungszusammensetzung allein reichen nicht aus.
Die stetig steigende Zahl der Essgestörten zeigt, dass Essen nicht
einfach nur der Nahrungsaufnahme dient, sondern tief mit unserem
Selbstwertgefühl verknüpft ist.
Für ein gutes Essen muss man etwas Kostbares investieren - Zeit.
Doch keine Angst, diese Zeit ist nicht vergeudet sondern in dieser Zeit erfahren wir ein hohes Maß an Lebensfreude.
In diesem Sinne:
"Kosten wir sie aus die Zeit zum Kochen und Essen".
Dr. Rita Hein